Ostenallee 101
- Bezirk
- Hamm-Uentrop
- Stadtteil
- Bad Hamm
- Adresse
- Ostenallee 101
59071 Hamm
- Typ
- Wohnhaus/Jugendherberge
- Ältere Namen
- Kinderkurheim Sylverberg
Jugendgästehaus Sylverberg - Existiert seit
- 1880
- Denkmalliste
- No. 181 seit dem 1. April 1992
- Datenstand:
- 04.06.2026
Das Haus Ostenallee 101 (ehemals Jugendgästehaus Sylverberg) ist ein denkmalgeschütztes Gebäude nahe des Kurparks im Stadtteil Bad Hamm.
Es wurde von Ende 2023 bis zum Herbst 2025 vorübergehend zur Unterbringung geflüchteter minderjähriger Jugendlicher genutzt. In dieser Zeit kam es zu einer Brandstiftung und Kontroversen um die Unterbringung von Nicht-Flüchtlingen.
Nach dem Ende der Nutzung als Flüchtlingsunterkunft plant die Stadt Hamm für 2027 den Umbau des Hauses zum „Haus des Sports“.
Geschichte
Das Gebäude wurde um 1880 als Wohnhaus der Familie Lütgehoff aus Hamm fertiggestellt. Ab 1900 fungierte es als Pension, bis es 1929 ins Eigentum der Stadt Hamm gelangte. Seit diesem Zeitpunkt wurde es als Kindertageseinrichtung genutzt.[1]
Jugendgästehaus (1949–2020)
Bereits 1935/36 soll erstmals eine Umnutzung zur Jugendherberge diskutiert worden sein. Nach dem Zweiten Weltkrieg beherbergte das Haus 1945 kurzzeitig deutsche Flüchtlinge. 1949 wurde Sylverberg schließlich als Jugendgästehaus eingeweiht.[1] In dieser Funktion ist es den meisten Hammer Bürgern im Gedächtnis. Am 1. April 1992 wurde es unter Denkmalschutz gestellt.
Das Jugendgästehaus verfügte mit Stand 2020 über 53 Betten in 4-, 6- und 8-Bett-Zimmern (teils mit Waschgelegenheit), Lehrerzimmer mit Dusche und WC, einen Tagesraum für ca. 60 Personen und einen Seminarraum für ca. 25 Personen. Es wurde längere Zeit vom Stadtsportbund über einen Trägerverein betrieben[2] und galt zuletzt als nicht mehr zeitgemäß. Entsprechend gering soll die Auslastung in den letzten Monaten gewesen sein. Im letzten regulären Betriebsjahr 2019 zählte man 4300 Übernachtungen.[3]
Leerstand und Umbauplanungen (2020–2023)
Schon 2019 kündigte die Stadt Hamm eine umfängliche Sanierung und Erweiterung von Haus Sylverberg für 3,5 Millionen Euro an, die letztlich jedoch nicht realisiert wurde.[2] Durch die Maßnahmen sollten eigentlich Barrierefreiheit erreicht, der Unterbringungsstandard angehoben und die Kapazität auf 80 Betten erhöht werden.[2][1]
Vorgesehen war ein zweigeschossiger Erweiterungsbau mit Fahrstuhl und Übergang zum Altbau. Dieser sollte eine neue Küche, einen neuen Speisesaal sowie 16 Doppelzimmer beinhalten. Der bisherige Speisesaal wäre dann zum Aufenthaltsraum umfunktioniert worden.[4] Die mindestens 16 zusätzlichen Doppelzimmer sollten grundsätzlich über eigene Dusche und WC verfügen. Ein Ratsbeschluss vom Februar 2020 sah vor, dass die notwendigen Mittel von der Dienstleistungs- und Finanzierungsgesellschaft Hamm mbH (DFH) bereitgestellt werden würden.[2]. Im Falle einer Wiedereröffnung als Jugendgästehaus hätte sich der Trägerverein des Stadtsportbundes an den Sanierungskosten über einen entsprechenden Pachtvertrag beteiligen sollen.[2]
Durch die Corona-Pandemie konnten wegen der Kontaktbeschränkungen ab Anfang 2020 zunächst längere Zeit keine Gäste empfangen werden, anschließend blieb das Haus geschlossen, da es aus baulichen Gründen Probleme bei der Einhaltung der Corona-Schutzverordnung gab und die Einhaltung derselben außerdem einen wirtschaftlichen Betrieb unmöglich gemacht hätte.[4] Dann stand das Gästehaus längere Zeit gänzlich leer. Nach Berichten des Westfälischen Anzeigers vom Januar 2023 hielt die Stadt zu dieser Zeit jedoch weiter an einer Nutzung als Jugendunterkunft fest, ein konkreter Zeitplan für eine Wiederinbetriebnahme existierte zu diesem Zeitpunkt allerdings nicht, da noch kein finales Nutzungskonzept vorlag.[1]
Der Leerstand zog auch die Aufmerksamkeit von Außenstehenden auf sich. Anfang Februar 2023 diente das Haus den „Geisterjägern“ Fabian, Alexandra und Roger Boldt als Kulisse für ihre „paranormalen“ Untersuchungen. Hierbei wollen sie nach eigener Aussage eine weibliche Stimme gehört haben.[5] Am 10. November desselben Jahres verschafften sich minderjährige Störenfriede gegen Mittag Zutritt zu der seinerzeit ungenutzten Immobilie und randalierten dort offenbar ungezügelt. Fensterscheiben wurden eingeschlagen und das Mobiliar der ehemaligen Herberge verwüstet. Die von Augenzeugen alarmierte Polizei konnte noch vor Ort zwei der Beteiligten aufgreifen, weitere mutmaßlich Beteiligte wurden im Zuge einer Fahndung ermittelt. Unklar blieb, ob sämtliche Schäden tatsächlich bei diesem Vorfall entstanden waren oder ob es weitere Einbrüche gegeben hatte.[6]
Flüchtlingsunterkunft (2023–2025)
Bereits mit dem Ausbruch des Ukraine-Krieges im Jahr 2022 war überlegt worden, Sylverberg für die Einquartierung ukrainischer Flüchtlinge zu nutzen, hierzu kam es jedoch zunächst nicht.[1]
Ab dem 19. Dezember 2023 wurden in dem Haus dann bis zu elf minderjährige Flüchtlinge untergebracht, schwerpunktmäßig 15- bis 18-jährige traumatisierte junge Männer aus Afghanistan und Syrien. Die jungen Männer erhielten eine 24-Stunden-Betreuung durch verschiedene karitative Träger. Federführend war die Neuanfang gGmbH in Kooperation mit dem Arbeiter-Samariter-Bund (ASB) und der Outlaw gGmbH.[7] Hierzu wurde die Belegung der Zimmer gegenüber der früheren Nutzung als Jugendherberge verringert und das Haus vom Kommunalen Jobcenter mit neuen Möbeln versehen.
Stadtsprecher Detlef Burrichter kündigte gegenüber dem Westfälischen Anzeiger an, dass die Nutzung als Flüchtlingsunterkunft vorläufig ein Jahr dauern sollte.[8]
Am 27. Januar 2024 besuchte die Landesministerin für Kinder, Jugend, Familie, Gleichstellung, Flucht und Integration, Josefine Paul (Bündnis90/Die Grünen), die Stadt Hamm und besichtigte in diesem Zusammenhang auch Haus Sylverberg.
Brandstiftung (2024)
Am 27. November 2024 kam es in Haus Sylverberg gegen 18 Uhr zu einem Brand in einem Aufenthaltsraum im Obergeschoss, nachdem es in den Wochen zuvor zu mehreren Falschalarmierungen der Feuerwehr gekommen war. Brandherd war offenbar eine Couch.[9] Eine 39-Jährige musste von den Rettungskräften evakuiert und im Krankenhaus behandelt werden. Die Neuanfang gGmbH teilte mit, dass von den unbegleiteten Flüchtlingen, die das Haus bewohnten, keiner zu Schaden gekommen sei. Die Jugendlichen konnten das Haus am 12. Dezember wieder beziehen.[10]
Die Polizei nahm Ermittlungen wegen vorsätzlicher Brandstiftung auf. Anfang 2025 teilte die Polizei mit, dass sich der Tatverdacht gegen mehrere der Bewohner richtete. Zum Zeitpunkt des Feuers wohnten zehn unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in der Einrichtung, aber auch ein 15-jähriger Deutscher. Der Kreis von anfangs vier Verdächtigen sei weiter eingegrenzt worden, so die Polizei.[9]
Kontroverse um Unterbringung von Nicht-Flüchtlingen (2025)
Im Jahr 2024 kam es offenbar zu acht Unterbringungen von Nicht-Flüchtlingen in Haus Sylverberg. Es handelte sich dabei um Kinder und Jugendliche zwischen fünf und 15 Jahren.[11] Die längste Einquartierung (insgesamt 204 Nächte) endete dabei mit dem Tag des Feuers vom 27. November.[12]
„Im absoluten Super-Ausnahmefall“ habe Neuanfang auch Nicht-Flüchtlingen eine Übernachtung im Haus Sylverberg ermöglicht, räumte Karsten Weymann, Geschäftsführer von Neuanfang, auf Nachfrage des Westfälischen Anzeigers im Rahmen der Berichterstattung zu den polizeilichen Ermittlungen im Januar 2025 ein.[9] Bei zwei Gelegenheiten hatte man zuvor jedoch explizit von nur zehn Bewohnern gesprochen. Erst auf Nachfrage des Westfälischen Anzeigers bei der Polizei wurde die Anwesenheit eines deutschen Jugendlichen in der Nacht des Brandes öffentlich.[11]
Solche Notlösungen widersprechen nach Darstellung des WA dem sogenannten „Brückenerlass“ des Landes Nordrhein-Westfalen, der ausschließlich unbegleitete minderjährige Ausländer in einer solchen Einrichtung erlaubt. Die Stadt Hamm ließ über ihren Sprecher Detlef Burrichter hingegen mitteilen:
„Es gab in den zurückliegenden Monaten insgesamt acht Inobhutnahmen, bei denen aufgrund einer Notlage und zur Sicherung des Kindeswohls eine vorübergehende Unterbringung nicht-ausländischer Minderjähriger im Haus Sylverberg stattgefunden hat […] Die Ausnahmefälle sind als Individualmaßnahme nach § 35 SGB VIII zu werten.“
Eine Unterbringung nach diesem Paragrafen des Sozialgesetzbuchs (SGB) sei nicht betriebserlaubnispflichtig.[11]
Der Westfälische Anzeiger erhob Zweifel an dieser Darstellung. Der entsprechende Paragraph des SGB besagt wörtlich:
„Intensive sozialpädagogische Einzelbetreuung soll Jugendlichen gewährt werden, die einer intensiven Unterstützung zur sozialen Integration und zu einer eigenverantwortlichen Lebensführung bedürfen. Die Hilfe ist in der Regel auf längere Zeit angelegt und soll den individuellen Bedürfnissen des Jugendlichen Rechnung tragen.“
Eine intensive Einzelbetreuung sei parallel zur Betreuung der minderjährigen Flüchtlinge jedoch fragwürdig gewesen, urteilte Lokalredakteur Frank Osiewacz.[11] Neuanfang erklärte dagegen, das Team im Haus Sylverberg habe elf Kräfte umfasst, die rund um die Uhr im Schichtdienst eingesetzt worden seien. Etwas mehr als die Hälfte des Teams habe über einen pädagogischen Hintergrund verfügt und für die Individualbetreuung sei zusätzliches Personal eingesetzt worden.[11]
CDU-Oberbürgermeisterkandidat Dornseifer forderte im Februar 2025 im WA die Rückkehr zur eigentlichen Nutzung als Jugendherberge und verwies auf die historische Bedeutung der Hausstätte: „Es kann nicht sein, dass eine Großstadt wie Hamm mit 180.000 Einwohnern keine Jugendherberge mehr hat“, kritisierte Dornseifer.[13] Die CDU-Fraktion stellte ihrerseits im Stadtrat eine Anfrage zur Unterbringung von Nicht-Flüchtlingen im Haus Sylverberg. Nach Darstellung der Stadt Hamm sei diese rechtens gewesen, da eine Betriebserlaubnis nicht benötigt worden sei. Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) führte hingegen auf Nachfrage der Lokalzeitung aus: „Bei einer intensiven sozialpädagogischen Einzelbetreuung nach § 35 SGB VIII kann unter bestimmten Voraussetzungen eine Betriebserlaubnispflicht vorliegen.“ In diesem Fall unterliegt der Träger der Aufsicht des LWL-Landesjugendamtes.[12]
In einem Schreiben an die Redaktion des WA teilte die Neuanfang gGmbH Anfang Februar 2025 mit, dass die Unterbringung von Nicht-Flüchtlingen beendet werde.[14]
Umbau zum „Haus des Sports“
Am 7. Juli 2025 unterzeichneten die Stadt Hamm, der Stadtsportbund und die Sport und Freizeit gGmbH eine gemeinsame Absichtserklärung, um Haus Sylverberg für einen siebenstelligen Betrag zu einem „Haus des Sports“ umzubauen. Die 2020 beschlossene, anschließend nicht umgesetzte Ertüchtigung als Jugendgästehaus wurde damit hinfällig.[15]
Auf Sylverberg sollen nach derzeitiger Planung die Mitarbeiter der Abteilung Sport im städtischen Amt für Konzernsteuerung, des Stadtsportbundes und der Sport und Freizeit gGmbH ihre Kompetenzen im Bereich Sport bündeln, bspw. für Lehrgänge und Qualifizierungs- sowie Co-Working-Angebote für Vereine. Den Ausschlag hierfür habe auch gegeben, dass ein wirtschaftlicher Betrieb als Jugendgästehauses aufgrund hoher Sanierungskosten, der Baukosten für den dafür vorgesehenen Neubau und einer zu geringen Bettenzahl nicht möglich gewesen sei.[15]
Zum 30. September 2025 wurde der Mietvertrag zwischen der Stadt Hamm und der Neuanfang gGmbH gekündigt. Die Stadt Hamm benötigt aufgrund gesunkener Flüchtlingszahlen die Kapazitäten als „Brückenlösung“ nicht mehr, sondern kann die Zuwanderung mit bestehenden Kapazitäten abfedern.[16]
Die weiteren Planungen für das Haus werden voraussichtlich 2026 abgeschlossen, der Umbau soll 2027 durchgeführt werden.[15]
Presseberichte
Einzelnachweise
- ↑ 1,0 1,1 1,2 1,3 1,4 Jörn Funke: Zukunft offen: Das Haus Sylverberg steht seit Monaten leer. In: wa.de vom 26. Januar 2023.
- ↑ 2,0 2,1 2,2 2,3 2,4 Jörg Körtling: Jugendgästehaus Sylverberg hat große Zukunftspläne. In: wa.de vom 31. Oktober 2019.
- ↑ Andreas Wartala: Zu unattraktiv: Gästehaus Sylverberg wird für viel Geld modernisiert. In: wa.de vom 7. März 2020.
- ↑ 4,0 4,1 Ines Engelmann: 3,5 Millionen Euro für Neubau: Planungen am Jugendgästehaus Sylverberg haben begonnen. In: wa.de vom 14. Juni 2020.
- ↑ Pia Sofie Bartmann: Spukt es? „Geisterjäger“ hören an verlassener Jugendherberge in Hamm Stimmen. In: wa.de vom 8. Februar 2023.
- ↑ Markus Hanneken: Jugendgästehaus verwüstet - Polizei greift Minderjährige auf. In: wa.de vom 13. November 2023.
- ↑ neuanfang-hamm.info, zul. abgerufen am 11. Februar 2024.
- ↑ Jörn Funke: Haus Sylverberg wird Heim für traumatisierte Jugendliche. In: wa.de vom 20. Dezember 2023.
- ↑ 9,0 9,1 9,2 Frank Osiewacz: Nach Brand im Gästehaus Sylverberg: Der Täterkreis wird enger. In: wa.de vom 30. Januar 2025.
- ↑ Frank Osiewacz: Brandstiftung am Sylverberg: Polizei geht von Vorsatz aus. In: wa.de vom 13. Dezember 2024.
- ↑ 11,0 11,1 11,2 11,3 11,4 Frank Osiewacz: Immer wieder Sonderfälle: Stadt bestätigt „Notlösungen“ für Sylverberg. In: wa.de vom 6. Februar 2025.
- ↑ 12,0 12,1 Frank Osiewacz: Unterbringung ohne Erlaubnis? Neue Details zum Jugendgästehaus in Hamm. In: wa.de vom 3. Mai 2025.
- ↑ „Es kann nicht sein …“: OB-Kandidat Dornseifer fordert Änderung am Sylverberg. In: wa.de vom 17. Februar 2025.
- ↑ Frank Osiewacz: Weymann: Nur noch Flüchtlinge am Sylverberg. In: wa.de vom 7. Februar 2025.
- ↑ 15,0 15,1 15,2 Frank Osiewacz: Haus des Sports an besonderem Ort: Stadt setzt neue Prioritäten. In: wa.de vom 8. Juli 2025.
- ↑ Frank Osiewacz: Weniger minderjährige Geflüchtete in Hamm: Unterkunft gar nicht mehr nötig. In: wa.de vom 10. Juli 2025.